Was ist Fitra?

Von Sheikh Mufti Muhammad Shafi‘

فَأَقِمْ وَجْهَكَ لِلدِّينِ حَنِيفًا فِطْرَةَ اللَّهِ الَّتِي فَطَرَ النَّاسَ عَلَيْهَا لَا تَبْدِيلَ لِخَلْقِ اللَّهِ

„So richte dein Antlitz auf den Glauben wie ein Aufrechter (und folge) der von Allah erschaffenen Natur [Fitra] – worin Er die Menschheit erschaffen hat. Es gibt keine Änderung an Allahs Schöpfung.“ [30:30]

Kommentatoren des Qur’ans [Mufassirin] haben dem Wort Fitra [فطرة] mehrere Bedeutungen gegeben, von welchen zwei geläufiger sind.

  • [1] Erstens, dass mit Fitra ‚Islam‘ gemeint ist und bedeuten tut es, dass Allah Ta’ala jeden Menschen von seiner Natur und seinem Instinkt aus Muslim erschaffen hat. So lange keiner aus der Umgebung oder dem Umfeld ihn vom rechten Weg ab bringt ist jedes geborene Kind Muslim. Aber üblicherweise ereignet es sich, dass die Eltern ihm Dinge und Vorstellungen beibringen, die dem Islam widersprechen, woraufhin das Kind nicht mehr im Islam bleibt. Dieses wird auch in einem Hadith der Sahihain berichtet und laut Qurtubi stimmt die Mehrheit der Salaf über diese Interpretation ein.
  • [2] Die zweite Interpretation ist das mit Fitra ‚Fähigkeit‘ gemeint ist. Das dann bedeutet, dass Allah Ta’ala jedem Menschen die Fähigkeit beschert hat seinen Schöpfer zu erkennen und an Ihn zu glauben. Und dieses führt automatisch zur Ergebung zum Islam, vorausgesetzt man macht von dieser Fähigkeit Gebrauch.

Jedoch gibt es verschiedene Einwände gegen die erste Meinung. Erstens, zum Ende des selben Vers wird gesagt: لَا تَبْدِيلَ لِخَلْقِ اللَّهِ [„Es gibt keine Ändernung an Allahs Schöpfung.“]. Hier bedeutet ‚Allahs Schöpfung‘ dasselbe wie ‚die von Allah erschaffene Natur‘. Daher bedeutet dieser Satz, dass keiner diese von Allah erschaffene Fitra ändern kann. Obwohl ein Hadith in den Sahihain selber sagt, dass die Eltern eines Kindes es zum Juden oder Christen machen. Sollte man hier ‚Islam‘ als Bedeutung von Fitra anwenden, wie könnte dann die Überlieferung – indem sie sagt, dass das Kind sich später in ein Juden oder Christen ändert – richtig sein, wenn in dem genannten Vers gesagt wird, dass diese Änderung nicht möglich ist? Außerdem ist es eine übliche Erfahrung, dass überall mehr Ungläubige als Muslime existieren. Wenn ‚Islam‘ als Bedeutung von Fitra in der es keine Änderung geben kann genommen wird, dann warum gibt es so viele Ungläubige, die nach ihrer Geburt ihren natürlichen Instinkt gewechselt haben?

Zweitens, wird in einem zuverlässigem Hadith über den Jungen, den Sayyidina Khidhr عليه سلام umbrachte, berichtet, dass  in seiner Natur Unglaube [Kufr] verankert war. In dem Fall, steht dieser Hadith auch im Widerspruch zu der Behauptung, dass alle Kinder im Islam geboren werden.

Drittens, sollte man akzeptieren, dass Islam in die Natur des Menschen gelegt ist und er hat keine Kontrolle darüber es zu ändern, dann wäre dieses keine freiwillige Tat. In diesem Fall, wie soll er dafür in Akhirat belohnt werden? Denn Belohnung gibt es nur für freiwillige Taten [ikhtiyari ‚Amal].

Viertens, haben die Rechtsgelehrten der Ummah aus zuverlässigen Ahadith gefolgert, dass ein Kind bevor es die Pubertät erreicht in dieser Welt nach dem Glauben seiner Eltern behandelt wird. Wenn die Eltern Ungläubige sind, wird das Kind auch als Ungläubiger gesehen. Wenn es als Minderjähriges stirbt, wird er nicht nach islamischen Bräuchen beerdigt.

All diese Bedenken hat Imam Torapushti in seinem Kommentar zu Masabih aufgezählt und auf Grund dieser Umstände hat auch er die zweite Meinung bevorzugt. Es ist auch zutreffend zu sagen, dass die naturgegebene Fähigkeit nicht geändert werden kann. Wer durch die Irreführung seiner Eltern oder jemanden anderes Ungläubiger gewurden ist, verliert die Fähigkeit und Veranlagung zur Wahrheit, sprich die Wahrheit des Islams zu erkennen, nicht. In der Geschichte des Jungen, den Sayyidina Khidhr عليه سلام tötete, muss das er auf Unglaube geboren wurde nicht unbedingt bedeuten, dass in ihm die Fähigkeit die Wahrheit zu verstehen nicht mehr bestand. Und da der Mensch von dieser Allah-gegebenen Fähigkeit und Veranlagung aus eigenem Willen Gebrauch macht, ist sein Erhalten von immenser Belohnung auch klar gewurden. Durch übernehmen der zweiten Meinung, wird auch die Aussage des Hadith der Sahihain deutlich, dass obwohl das Kind über die naturgegebene Fähigkeit und Verlangagung die Wahrheit zu erkennen verfügt, welche es zum Islam geführt hätte, haben jedoch seine Umgebung und seine Eltern einen Juden oder Christen aus ihm gemacht. Was die Meinung einiger respektierten Salaf betrifft, die das Wort Fitra mit dem Wort ‚Islam‘ erklärt haben, so ist dem Anschein nach auch nicht wirklich ‚Islam‘ gemeint, sondern diese Fähigkeit des Islams und seine Veranlagung und Begabung. Muhaddith Dehlvi hat in seinem Buch „Lam’at Sharh Mishkat“ die Ansicht der Mehrheit der Ummah auf die selbe Weise erklärt.

Sheikh Shah Waliullah Dehlvi hat in seinem Buch „Hujjat al-Balagha“ auch diese Ansicht befürwortet. Das Wesentliche des Diskurs ist, dass Allah Ta’ala unzählige Geschöpfe mit verschiedenen Gemütern und Veranlagungen erschaffen hat, und in die Natur von jedem dieser Geschöpfe eine anhaftende Eigenschafft gelegt hat, mit Hilfe welcher es den Zweck seiner Schöpfung erfüllt. Der Vers

أَعْطَى كُلَّ شَيْءٍ خَلْقَهُ ثُمَّ هَدَى

„Der jedem Ding seine Gestalt gab (und es) dann leitete.“ [20:50]

erklärt die selbe Gegebenheit, dass der Schöpfer jede Schöpfung angewiesen hat, wie es den Zweck seiner Schöpfung erfüllen soll. Diese Anweisungen werden von der Fähigkeit erforderliche Handlungen zu verrichten verkörpert. Zu der Honigbiene wurde der Instinkt gegeben Pflanzen und Blumen zu erkennen und eine Wahl zu treffen von welchen dieser Nektar in den Bauch zu ziehen, um diesen in ihrem Bienenstock zu lagern. Auf die selbe Art und Weise sind die Menschen mit dem natürlichen Instinkt und Fähigkeit beehrt ihren Schöpfer zu erkennen und Ihm dankbar und gehorsam zu sein. Darum geht’s beim Islam.

Die oberige Abhandlung hat auch die Bedeutung des Satzes لَا تَبْدِيلَ لِخَلْقِ اللَّهِ [„Es gibt keine Ändernung an Allahs Schöpfung.“] geklärt, dass keiner eine Änderung in dem von Allah Ta’ala beschertem Instinkt und Fähigkeit bewirken kann, welche hilft die Wahrheit zu erkennen. Das falsche Umfeld kann aus jemandem einen Ungläubigen machen, aber kann seine angeborene Fähigkeit die Wahrheit zu erkennen nicht beseitigen.

Diese Erklärung macht die Bedeutung des Vers, welcher besagt وَمَا خَلَقْتُ الْجِنَّ وَالْإِنسَ إِلَّا لِيَعْبُدُونِ [„Und Ich habe die Dschinn und die Menschen nur darum erschaffen, daß sie Mir dienen.“ (51:56)], deutlich. Es bedeutet, dass Allah Ta’ala in ihrer Natur die Neigung und Fähigkeit erschaffen hat Seine ‚Ibaadah zu machen. Wenn sie von dieser Fähigkeit Gebrauch machen, werden sie nie fehlschlagen oder irregehen.

[Auszug aus „Ma’ariful Qur’an“, Surah Rum]

2 Gedanken zu „Was ist Fitra?

  1. Selam aleykum ve rahmetullahi ve bereketuh…

    Möge Allah subhane ve taala dich reichlich belohnen und dir deine Aufgabe auf dem Siratul Mustakim erleichtern…AMIN

    Ich finde es gut, dass du versuchst nicht absichtlich und gezielt Werbung für eine bestimmte Gruppe oder eine Richtung zu machen…

    http://koranischepalast.wordpress.com
    ALLAHS_Diener114

    …ve selam aleykum ve rahmetullahi ve bereketuh…

  2. Pingback: Glauben und Wissen | mythenspiegel's Blog

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