Kann das heilige Wissen aus Büchern allein erlangt werden?

Von Sheikh Muhammad ibn Harun Abassommar

Frage: Einige Personen haben gesagt, dass das Ijaza-System und die Isnad eines Gelehrten unverzichtbar sind, wohingegen andere sagen, dass man keine Isnad oder Ijazah benötigt, um ein Gelehrter zu sein, und dass das Wissen allein aus Büchern erlangt werden könne.

Welche Meinung ist die korrekte? Und gibt es einen Beweis, um diesen Punkt zu beweisen?

Antwort: Es ist absolut notwendig, das Wissen von der Kompetenz eines absolut qualifizierten Gelehrten des Din zu erlangen, der die Sunnah gut kennt. Dem völlig entgegen zu handeln führt zur absoluten Irreführung. In der Tat war es die Praktik der Ambiya sowie unserer rechtschaffenen Vorfahren.

[1] Der heilige Qur’an wurde vom Allmächtigen Allah Ta’ala zur Rechtleitung und für das Wissen der Ummah offenbart. Allerdings würde seine Bedeutung ohne die Erklärung des Gesandten Allahs zweifellos missverstanden werden. Allah Ta’ala spricht Rasulullah صلى الله عليه وسلم in dem Qur’an an: „Und wir haben dir den Qur’an offenbart, damit du den Leuten erklärst, was ihnen offenbart wurde.“ Dieses ist der größte und der stärkste Beweis für unsere Ansicht.

[2] Allah Ta’ala erwähnt im Qur’an: „Fragt die Leute des Wissens, wenn ihr nicht wisst.“

[3] Es wurde gesagt, dass Sayyiduna Dawud عليه السلام enorm von Luqman al-Hakim عليه السلام profitierte habe, bevor Dawud عليه السلام das Prophetentun bekam.

[Tafsir Qurtubi]

[4] Sayyiduna Musas عليه السلام Aufenthalt bei Sayyiduna Khidhr عليه السلام ist sehr bekannt und ist im heiligen Qur’an bewahrt.

[5] Außerdem war es zur Zeit der Tabi’in so, dass, wann immer jemand behauptete irgendein Wissen zu haben, er gefragt wurde, bei welcher Person er sein Stückchen Wissen erworben hat.

[Muslim]

[6] Hazif Khateeb al-Baghdadi رحمة اﷲ علیہ, der berühmte Muhaddith des fünften Jahrhunderts, sagt in seinem Buch „Taqyidul Ilm“ [Seite 61] aus: „Viele Gelehrten der klassischen Zeit haben – zum Zeitpunkt des Todes – ihre Bücher entweder selbst vernichtet oder dies befohlen. Das war so, weil sie fürchteten, dass sie in die Hände der Unwissenden gelangen könnten, die ihre Urteile nicht verstehen würden und nur die offensichtliche Bedeutung nehmen würden.“ Danach berichtete er mehrere Ereignisse der klassischen Gelehrten, die das so taten. Unter ihnen waren: Imam Abeda al-Salmani, Imam Shu’bah ibn Hajjaaj, Imam Abu Qilabah und Imam Eesa ibn Yunus.

[Ibid S.61-62]

[7] Imam Muhammad ibn Sirin, Hakam ibn Atiyyah und Wakee ibnul Jarrah haben allesamt ausgesagt, dass die Hauptursache für den Irrweg der Bani Israil jene Büchern waren, die sie von ihren Vorvätern geerbt hatten.

[schaue Taqyidul Ilm S.61 und dessen Fußnoten]

[8] Imam al-Awzaa’iee رحمة اﷲ علیہ sagt: „Das Wissen war großartig als es aus den Mündern der wissenden Männer erlangt wurde. Aber als es in die Bücher gelangte, verschwand ihr Noor [ihr göttliches Licht].“

[Ibid S.64]

Hinweis: Der Zweck dieser vorherigen drei Zitate liegt darin zu zeigen, dass das ausschließliche Lernen aus Büchern falsch ist und von der göttlichen Hilfe fern ist. Ideal wäre es, diese Bücher unter der Aufsicht eines wissenden Lehrers zu studieren. Wir beabsichtigen in keiner Weise, die Bücher der Shari’ah herabzusetzen.

[9] Imam Malik رحمة اﷲ علیہ wurde einmal gefragt, ob Wissen von jemandem erlangt werden könne, der nicht in der Gesellschaft der Ulama saß (und sich stattdessen nur mit Büchern zufrieden gab). Er verneinte und sagte: „Wissen sollte von keinem erlangt werden, außer von jemandem, der es sich einprägte, in der Gesellschaft der Gelehrten war, gemäß seinem Wissen handelte und der fromm ist.“

[siehe Adabul Ikhtilaf S.145]

[10] Shaykh Muhammad Awwamah (ein einmaliger Muhaddith dieser Zeit) erwähnt wundervoll in seinem Buch „Adabul Ikhtilaf“: „Sie [die Ulama] schenkten weder jemandem Beachtung, der keinen Ustadh [Lehrer] hatte, noch betrachteten sie solch eine Person überhaupt als würdig, mit ihnen zu sprechen, da sie anfällig für Fehler ist.“ Er sagt weiter: „Qadi Iyad und andere haben überliefert, dass, als Imam Ahmad ibn Hanbal vom Herrscher seiner Zeit [al-Mu’tasim] gebeten wurde, ein bestimmtes Thema mit ibn Abi Du’ad zu diskutieren, er [Imam Ahmad] sein Gesicht abwendete und sagte: „Wie kann ich mit solch einer Person diskutieren, die ich noch nie an der Tür eines Gelehrten gesehen habe!“

[Ibid S. 144]

Wir hoffen, dass die obigen 10 Punkte ausreichen, um jede Person zu überzeugen und zufrieden zu stellen, die auch nur im Entferntesten daran denkt, sich mit dem Studium von Büchern ohne die Aufsicht eines passenden Ustadh [Lehrer] zu begnügen.

Wir beenden die Analyse mit einer Übersetzung eines berühmten Gedichtes, das Imam Shafi’i رحمة اﷲ علیہ zugeschrieben wird und relativ berühmt auf den Zungen der Ulama [Gelehrten] ist. Er sagt:

Oh mein Bruder,
Du wirst niemals Wissen erlangen,
Ohne diese sechs Sachen:
Intelligenz, Leidenschaft, Bedürftigkeit,
Aufenthalt, Führung eines Ustadh
sowie eine lange, beständige Zeit [unter seinem Studium]
[ibid S. 142-13]

Und Allah Ta’ala weiß es am besten.

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