Haben die vier Imame den Taqlid verboten?

Von Schaykh Mufti Taqi Usmani

Die Behauptungen, dass die Imame selber  verboten haben, ihren Ansichten zu folgen bis man die Beweise herausfindet, und dass man ihre Ansichten gegen die Wand schleudern und dem Hadith folgen soll, wenn ihre Ansichten im Widerspruch mit irgendeinem Hadith stehen, sind wahrlich wahr. Um jedoch gerecht zu sein, muss man zum Schluss kommen, dass diese Aussagen nicht an Menschen gerichtet sind, die nicht die Fähigkeit haben, ein Rechtsurteil abzuleiten (Ijtihad). Es wurden vielmehr diejenigen Gelehrten angesprochen, die fähig sind, Ijtihad zu machen.


Deshalb hat Schah Waliyyullah aus Delhi solche Aussagen folgendermaßen zusammengefasst:

„Die Urteile können von denjenigen geprüft werden, die einige Fähigkeiten im Ijtihad haben – selbst wenn es nur in einem Bereich ist –, oder von denjenigen, die beweiskräftig ermittelt haben, dass der Prophet صلى الله عليه وسلم dieses geboten oder jenes verboten hat. Das kann erreicht werden  durch das Untersuchen der Hadithsammlungen, durch das Untersuchen der Urteile der Gelehrten, die dem (Urteil des Gelehrten) widersprachen oder zustimmten, oder es kann erreicht werden, wenn man festgestellt hat, dass viele hochrangige Gelehrte dem Urteil (des Gelehrten) widersprochen haben, wobei der Gelehrte zu diesem Urteil lediglich durch Analogie oder Schlussfolgerung gelangte. Wenn dies der Fall ist, dann gibt es keinen Grund, entgegen dem Hadith des Propheten صلى الله عليه وسلم zu handeln.“[1]

Die Bedeutung ist klar. Die Mujtahid Imame haben nicht behauptet, dass Taqlid nicht erlaubt sei. Ihre eigenen Lebensgeschichten waren gefüllt von Vorfällen und Ereignissen, wo Laien zu ihnen mit Hunderten von Fragen kamen, worauf sie antworteten ohne irgendwelche Beweise zu nennen. Die Erlaubnis des Taqlids wurde in der Ära der Mujtahid Imame niemals in Frage gestellt. Wenn diese Praxis als unzulässig erachtet worden wäre, dann würden die Imame selbst nicht zu den Mitteln gehören. Mehrere Aussagen der Imame sagen grundsätzlich aus, dass Taqlid für Nicht-Mujtahids erforderlich ist.
Im Folgenden werden einige Beispiele genannt:

„Wenn der Mufti so ist, dass er ein Mujtahid ist, dann muss der Laie ihm folgen, selbst wenn der Mufti sich in seinem Urteil geirrt hat. Das ist, was Hasan von Imam Abu Hanifa überliefert hat; Ibn Rustum von Muhammad und Bashir ibn Walid von Abu Yusuf.“[2]

Imam Abu Yusuf sagt weiter:

„Der Laie muss den Rechtsgelehrten folgen, da er die Hadithe nicht selbständig verstehen kann.“[3]

Ibn Taymiyya berichtet:

„Imam Ahmad pflegte zu sagen: >Befehlt den Laien, dass sie Ishaq, Abu Ubaid, Abu Thaur and Abu Mus’ab fragen sollen!<. Allerdings verbot er seinen eigenen Gefährten wie Abu Dawud, Uthman ibn Sa’id, Ibrahim al-Harbi, Abu Bakr al-Athrum, Abu Zar’ah, Abu Hatim und Muslim, irgendjemand anderem zu folgen. Zu ihnen sagte er: „Ihr müsst den Quellen ‚Qur’an und Sunnah’ folgen.“[4]

Diese Aussage von Ibn Taymiyya macht deutlich, dass Taqlid nur für Gelehrte/Schüler ungeeignet war, die selber Rechtgelehrte waren und das Potenzial hatten, selber wie ihre Lehrer zu werden und Urteile direkt aus dem Qur’an und aus der Sunnah zu geben.

Diejenigen, die nicht die erforderlichen Qualifikationen besitzen, werden strengstens gebeten, einem Mujtahid zu folgen und Taqlid zu machen.

In Wahrheit war Taqlid für den Nicht-Gelehrten unter der überwältigenden Mehrheit der Gelehrten so stark anerkannt, dass nur die Mu’tazila diesem Konzept widersprach.
Schaykh Saifuddin Amudi schrieb:

„Der Laie und der Gelehrte, der nicht die Fähigkeit hat, Ijtihad zu machen – obwohl sie einige gute Kenntnisse in bestimmten Themen haben mögen – müssen der Ansicht von einem Mujtahid folgen, laut den Experten in den Prinzipien und Grundlagen (Usul). Einige Mu’tazila in Bagdad sind in dieser Angelegenheit abgewichen und haben selbst für diese Personen den Taqlid verboten.“[5]

Schaykh Khatib aus Bagdad schrieb:

„Es wurde von bestimmten Mu’tazila überliefert, dass es für den Laien nicht erlaubt sei, der Meinung eines Gelehrten zu folgen, bis er weiß, welche Gründe es für die Meinung gibt. Dies ist falsch, denn der Laie hat gar nicht die Möglichkeit, die Gründe zu verstehen, bis er für einige Jahre studiert hat, sogar an Diskussionen mit Rechtsgelehrten und anderen Gelehrten teilgenommen hat, ein Verständnis für Analogieschlüsse entwickelt hat und erkannt hat, was richtig ist und was nicht. Von dem Laien zu erwarten, dass er dies alles durchmachen müsse, bedeutet, dass man ihn verpflichtet, eine Last zu tragen, die über seine Möglichkeiten hinausgeht. Und das ist für ihn nicht verpflichtend.“[6]

Es gibt unter den Mujtahids einen Meinungsunterschied darüber, ob eine Person, die fähig ist, Ijtihad zu machen, der Ansicht von einem anderen folgen darf. Khatib aus Bagdad hat Abu Sufyan mit den Worten zitiert, dass er dies tatsächlich tun dürfe. Und er hat Imam Muhammad mit den  Worten zitiert, dass er der Ansicht von jemandem folgen darf, der wissender ist als er.[7]

Schaykh Ibn Taymiyya hat diese Ansicht ebenfalls von Imam Muhammad berichtet. Imam Schafi’i und Imam Ahmad sagen, dass dies keineswegs erlaubt sei.[8] Maulana Abdul Hay aus Lucknow hat (bei der Einleitung von Shamsul Aimah Halawani) die Ansicht von Imam Abu Hanifa aufgezeichnet:

„Es wurde von Imam Abu Hanifa überliefert, dass es für einen Mujtahid erlaubt ist, einem anderen zu folgen, der wissender ist als er.“[9]

Die Details dieser Debatte können in den Büchern der islamischen Prinzipien des Rechts gefunden werden, wie z.B. al-Mustasfa von Al-Ghazali und Fawatihur Rahamut.

Kurz: Außer einer handvoll Gelehrten der Mu’tazila hat niemand widersprochen, dass der Laie Taqlid praktizieren muss.


[1] Hujjatullah al-Baliga: Band 1, Seite 155

[2] Kifayah: dem Kommentar zu Hidayah im Kapitel über das Fasten

[3] Abu Yusuf wurde vorher aus Hidayah zitiert: Band 1, Seite 226

[4] Fatawa Ibn Taymiyya: Band 2, Seite 240

[5] Ihkamul Ahkam von Amudi: Band 4, Seite 197. Auch in Mustasfa von Al-Ghazali: Band 2, Seite 124

[6] Al-Faqith wal Mutafaqqih von Khatib: Band 2, Seite 69

[7] Ibid.

[8] Fatawa Ibn Taymiyya: Band 2, Seite 24

[9] Al-Ta’liqat Siniyah: Seite 96

[Auszug aus „The legal status of following a madhab“, S. 94ff.]

4 Gedanken zu „Haben die vier Imame den Taqlid verboten?

  1. Wer nicht weiß, was Taqlid bedeutet, dem sei folgender Text aus diesem Blog ans Herz gelegt:
    https://siratalmustaqim.wordpress.com/2009/06/15/taqlid-amp-die-falschung-von-islamischer-geschichte/

    Das Buch „Legal status of following a madhab“ kann auf diesen Links gelesen werden:
    http://www.cometoislam.com/fiqh/legal/main.htm

  2. As-salamu alaikum,

    welche Gruppe von Muslimen ist denn mit diesem Text adressiert? Gibt es jemanden, der sagt, dass ein Laie keinen Taqlid machen darf? Habe noch nie so eine Aussage gehört.

    • Wa ‚Alaykumussalam,

      Ja, leider gibt es eine kleine (aber laut-starke) Minderheit in der Ummah, die den Taqlid generell ablehnt und verbietet. Wenn du solche Aussagen noch nie gehört hast, dann kannst du dich glücklich schätzen und brauchst auch nicht nach solchen suchen. Denn unsere Aufgabe ist nur Aufklärung, und nicht alles zu polemisieren.

  3. Leider haben die Gruppen, die behaupten, man müsse keiner der vier wahren Madhab folgen, obwohl sie so gering in der Anzahl sind, einen enormen, negativen Einfluss auf unerfahrene Muslime wie z.B. Konvertiten. Ich habe leider am eigenen Leib erfahren müssen, wie ein Konvertit, der sich einmal auf dem Weg der Ahlu-Sunnah-vel-cemaat befand, sich vom richtigen Weg abgewendet hat, indem er genau die Tatsache geleugnet hat, dass es Pflicht für einen Laien ist, sich einer Rechtsschule hinzugeben. Für mich ist das vollkommen unverständlich. Ich wünschte so weit wäre es nicht gekommen, aber von der Wahrheit lässt sich dieser Junge nicht überzeugen. Jetzt ist er zu jemandem geworden, der sich über alle Gelehrten der Ahlu- Sunnah emporhebt.
    Was soll nur aus so jemandem werden?

    Allah möge uns auf dem rechten Pfad beibehalten…

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