Hadith an-Nuzul & Imam Ibn Taymiyyah

Von Sheikh Mufti Muhammad Taqi Usmani

ينزل الله إلى السماء الدنيا كل ليلة حين يمضي ثلث الليل الأول فيقول أنا الملك من ذا الذي يدعوني فأستجيب له من ذا الذي يسألني فأعطيه من ذا الذي يستغفر فأغفر له فلا يزال كذلك حتى يضيء الفجر

„Allah تبارك وتعالى steigt jede Nacht zum untersten Himmel herab [yanzilu] nachdem zwei Drittel der Nacht vergangen sind und spricht: „Ich bin der König. Wer ist es, der Mich ruft, so daß Ich ihm antworte? Wer ist es, der Mich fragt, so daß Ich ihm gebe? Wer ist es, der Mich um Vergebung bittet, damit Ich ihm vergebe?“ Und er fährt damit fort bis die Morgendämmerung einbricht.“

[سنن الترمذي، بابٌ في نزول الرب تبارك وتعالى إلى السماء الدنيا كل ليلةٍ]

Die Absicht der Überlieferung ist deutlich, nämlich dass nachdem zwei Drittel der Nacht vergangen sind Allah ta’alas besondere Barmherzigkeit auf die Diener aufmerksam wird. Und der Zweck ist, dass die Diener diese Zeit nutzen und sie in Gottesdienst, Bittgebet und Aufrufen Allahs verbringen. Dies ist die praktische Botschaft der Überlieferung, und die eigentliche Wichtigkeit wird dieser Botschaft beigemessen. Da allerdings in der Überlieferung die Worte, dass Allah ta’ala nachdem zwei Drittel der Nacht vergangen sind auf den Himmel der Erde herabsteigt [ينزل], verwendet werden, sind im Bezug auf diese Überlieferung große, theologische Meinungsverschiedenheiten entstanden, die seit Ewigkeiten Debatten und Ausseinandersetzungen verursachen. Die Schärfe in dieser Debatte und die Sekten, aufrgrund derer diese Debatten entstanden, sind zwar nicht mehr verblieben, jedoch sind die früheren Bücher mit diesen Sachverhalten überfüllt und die Realität über den eigentlichen Sachverhalt zu verstehen ist auch notwendig. Daher wird hier eine sehr knappe Zusammenfassung dieser Diskussion dargestellt.

Hinsichtlich der Überlieferungen, in denen Allah ta’ala „Nuzul“ oder eine andere Handlung, die offensichtlich die Beschaffenheit eines Hawadith [erschaffenen Wesens] ist, zugeschrieben wird, sind im Grunde genommen vier Denkrichtungen bekannt:

  1. Die erste Denkrichtung ist die der Mushabbiha, die solchen Worten die offensichtliche und eigentliche Beudetung zuschreiben und behaupten, dass diese Eigenschaften für Allah ta’ala genau so gelten wie für Hawadith. Diese Denkrichtung ist absolut falsch und die Mehrheit der Ahlus-Sunnah widerlegte sie schon immer.
  2. Die zweite Denkrichtung ist die der Mu’tazila und Khawarij, die Allah ta’alas Eigenschaften leugnen und den Hadith an-Nuzul und gleichartige Überlieferung als nicht authentisch betrachten. Auch diese Denkrichtung ist absolut falsch.
  3. Die dritte Denkrichtung ist die der Mehrheit der Salaf und Muhaddithin, laut welchen solche Überlieferungen zu den Mutashabihat [Mehrdeutigen] gehören und die offensichtliche Bedeutung von „Nuzul“, welche zum Tashbih [Vermenschlichen] führt, nicht gemeint ist. Zwar wird „Nuzul“ ittiba’an lil-nusus [im Befolgen der Schrift] akzeptiert, aber über dessen Bedeutung, Sinn und Verfassung wird geschwiegen und nicht nachgedacht. Sie nennt man „Mufawwadha“.
  4. Die vierte Denkrichtung ist die der Mutakallimin, laut welchen die offensichtlichen Bedeutungen dieser Worte auf keinen Fall gemeint sein, da sie zum Tashbih führen würden. Vielmehr sind ihre metaphorischen Bedeutungen gemeint, zum Beispiel ist mit „Nuzul“ das Herabsteigen der Barmherzigkeit oder das Herabsteigen der Engel gemeint. Sie werden „Mu’awwilah“ genannt. Und von ihnen gibt es auch zweierlei: Einige deuten die Worte auf eine sprachlich problemlos verwendbare Art und einige andere bringen solche weit hergeholten Deutungen, die manchmal an Verfälschung grenzen.

Von diesen vier Denkrichtungen sind die ersten beiden batil und keiner der rechten Gelehrten hat sie je vertreten. Vielmehr blieb zwischen den Anhängern der Wahrheit stets die Meinungsverschiedenheit zwischen „Tafwidh“ und „Ta’wil“. Die Muhaddithin neigen normalerweise eher zum Tafwidh und die Mutakallimin zum Ta’wil. Und einige Muhaddithin haben beide [Meinungen] so zusammengeführt, dass an jener Stelle, an der Ta’wil problemlos möglich ist, Ta’wil angewandt wird und wo Ta’wil nicht problemlos möglich ist, sondern es zu Problemen führen würde, ist Tafwidh besser.

Sheikh Abdul Wahhab ash-Sha’rani رحمة الله عليه hat in seinem bekannten Buch „Al-Yawaqit wa al-Jawahir“ (auf Seite 104, Band 1) geschrieben, dass von den beiden Denkrichtungen Tafwidh an erster Stelle steht, denn egal welchen Ta’wil wir machen – sei er noch so problemlos – ist es eine Erfindung unseres Verstandes, und es besteht dabei stets die Möglichkeit eines Irrtums und unterschiedlicher Ansichten. Es führt dazu im feinen Sachverhalt von Allah ta’alas Eigenschaften, den Nusus [Schriften] seine Meinung  aufzudrücken – bei Tafwidh besteht diese Gefahr nicht. Jedoch bekräftigt Sheikh ash-Sha’rani رحمه الله die Aussage von Sheikh al-Akbar Muhiyuddin ibn ‚Arabi رحمة الله عليه, dass wenn von einer Person, falls man nicht vor ihr Ta’wil macht, befürchtet wird dass sie in Zweifel oder falsche Glauben gerät, so steht der Weg des Ta’wil zur Wahl.

Dies ist die Zusammenfassung der Denkrichtungen in dieser Angelegenheit.

Diesbezüglich Imam Ibn Taymiyyahs رحمة الله عليه Standpunkt

Hier ist es nun auch notwendig Imam Ibn Taymiyyahs رحمة الله عليه Standpunkt zu verstehen. Es ist sehr weit verbreitet wurden, dass er – Allah bewahre – den Tashbih bejahte oder zumindest dem sehr nahe gekommen ist. Und die Geschichte ist auch weit verbreitet, dass er einmal während er auf der Kanzel der Jami’ah [Hauptmoschee] von Damaskus predigte die in diesem Kapitel behandelte Überlieferung erläuterte und während dieser Erläuterung die Kanzel zwei Stufen herunter kam und sprach: „ينزل كنزولي هذا“ [Sprich: „Allah ta’alas Nuzul gleicht diesem Nuzul von mir.“]

Sollte diese Begebenheit bewiesen sein, so ist es ohne Zweifel eine sehr gefährliche Aussage und würde zufolge haben, dass Imam Ibn Taymiyyah رحمه الله den Tashbih zustimme. Aber in Wahrheit kann laut Nachforschungen diese Geschichte nicht Imam Ibn Taymiyyah رحمه الله zugeschrieben werden. Eigentlich kann diese Geschichte auf keine glaubwürdige Weise bewiesen werden, sondern wird das aller erste Mal im Reisetext von Ibn Battuta رحمه الله (Seite 57, Band 1) erwähnt. Und er sagt: „Ich habe Imam Ibn Taymiyyah رحمه الله auf der Kanzel der Jami’ah von Damaskus selber predigen gesehen und während der Predigt stieg er zwei Stufen herab und sagte: ‚ينزل كنزولي هذا'“

Aber die autoritären Gelehrten haben diese Geschichte aus Ibn Battuta’s Reisetext nicht als zuverlässig anerkannt. Der Grund dafür: Auf Seite 50, Band 1 dieses Reisetextes wird berichtet, dass Ibn Battuta am Donnerstag, den 9. Ramadhan 726 n.H. in Damaskus ankam, obwohl Imam Ibn Taymiyyah رحمه الله schon zu Beginn von Shaban 726 n.H. in der Festung von Damaskus inhaftiert wurde und in dieser Gefangenschaft am 20. Dhul Qa’dah 728 n.H. verstarb. Deshalb scheint es historisch unmöglich, dass er im Ramadhan 726 n.H. in der Jami’ah von Damaskus eine Predigt hielt.

Außerdem wurde Ibn Battuta’s Reisetext nicht von Ibn Battuta رحمه الله selber verfasst, sondern von seinem Schüler Ibn al-Jazy Kalbi zusammengestellt. Und dieser hat die Berichte auch nicht von Ibn Battuta diktiert bekommen, sondern in seinen eigenen Worten niedergeschrieben. Daher besteht eine große Wahrscheinlichkeit von Fehlern.

Was den wahren Standpunkt Imam Ibn Taymiyyahs رحمه الله in dieser Angelegenheit betrifft, so gibt es von ihm ein gesamtes Buch zu diesem Thema, welches mit dem Namen „Sharh Hadith an-Nuzul“ veröffentlicht wurde. Und in diesem hat Imam Ibn Taymiyyah رحمه الله den Tashbih mit Schärfe wiederlegt. Beispielsweise schreibt er auf Seite 58: „.و ليس نزوله كنزول أجسام بني آدم من السطح إلى الأرض بحيث يبقي السقف فوقهم، بل الله منزه عن ذلك“

Imam Ibn Taymiyyah رحمه الله behauptet in diesem Buch, dass seine Ansicht in diesem Kapitel genau jener der Salaf und Muhaddithin ist.  Aber nach genauem Betrachten seiner ganzen Abhandlung bin ich zur Schlussfolgerung gelangt, dass auch zwischen seiner Ansicht und der der Mehrheit der Muhaddithin ein feiner Unterschied existiert: Zwar akzeptiert die Mehrheit der Muhaddithin „Nuzul“ als bewiesen, erkennen ihn aber als mutashabih an und enthalten sich seiner Erläuterung vollständig. Einige von ihnen sagen, dass „Nuzul“ seine eigentliche Bedeutung nicht gemeint und die beabsichtigte Bedeutung uns nicht bekannt ist. Andere sehen selbst davon ab zu äußern, ob die eigentliche oder die metaphorische Bedeutung beabsichtigt ist, und halten sich von „Nuzul“ seiner Erklärung vollständig fern.

Imam Ibn Taymiyyahs رحمه الله gesamte Abhandlung führt jedoch zu folgender Schlussfolgerung: Mit „Nuzul“ sei in dieser Überlieferung die eigentliche Bedeutung gemeint. Aber Allah ta’ala sein „Nuzul“ sei nicht wie der „Nuzul“ von Hawadith, bei welchem das Verlassen eines Ortes und Wechseln zu einem anderen Ort bedingt ist. Allah ta’alas Herabsteigen sei frei von dieser Beschaffenheit der Hawadith und dessen Verfassung sei außerhalb unser Auffassungsgabe.

Imam Ibn Taymiyyahs رحمه الله sagt, dass „Nuzul“ ein variierender Grundsatz ist. Bei unterschiedlichen Herabsteigenden unterscheiden sich daher dessen Verfassungen und Bedingungen. Bezieht es sich also auf Hawadith wären dessen Bedingungen andere und wird es mit Qadim [anfangslose Wesen (sprich Allah)] in Verbindung gebracht wären dessen Bedingungen wiederum andere. In beiden Fällen ist der „Nuzul“ jedoch ba ma’naha l-haqiqiyyah [im eigentlichen Sinne]. Das Herabsteigen von Hawadith erfordert also „خلو من مكان إلى مكان“, aber Allah ta’alas Herabsteigen ist frei davon. Dennoch haben beide Arten des „Nuzuls“ miteinander das „Nuzul“ sein gemein. So wie „‚Ilm“ [Wissen] auch die Eigenschaft von Hawadith und auch von Allah ta’ala ist. Und trotz dem großartigen Unterschied beider Realitäten ist der Gebrauch des Wortes „‚Ilm“ bil-ma’naha l-haqiqiyyah [im eigentlichen Sinne] für beide gemein, dasselbe kann man auch bei „Nuzul“ sinngemäß anwenden.

Da wir aber aus Erfahrung nur den „Nuzul“ von Hawadith erkennen können und Allah ta’alas „Nuzul“ zu Erleben außer Reichweite unserer Kräfte ist, können wir uns „Nuzul“ ohne „خلو من مكان إلى مكان“ nicht vorstellen und kommt uns für Allah ta’ala das Wort „Nuzul“ ba ma’naha l-haqiqiyyah [im eigentlichen Sinne] zu gebrauchen merkwürdig vor. Aber man kann es mit den Datteln, Früchten und dem Honig im Paradies vergleichen, die der Qur’an erwähnt. Obwohl diese Früchte anders als die Früchte des Diesseits sein werden, da sie ja in „مالا عين رأت ولا أذن سمعت ولا خطر على قلب بشر“ mit einbegriffen sind. Demnach sind die Früchte des Diesseits und die Früchte des Jenseits hinsichtlich ihrer Realität weit voneinander entfernt, aber eine Frucht (ba ma’naha l-haqiqiyya) zu sein haben beide gemeinsam. Gleichermassen existiert zwischen dem „Nuzul“ der Hawadith und dem „Nuzul“ Allah ta’alas genau der Unterschied, den es zwischen Hawadith und Qadim geben sollte. Trotzdem ist der Gebrauch des Wortes „Nuzul“ für Allah ta’alas „Nuzul“ nicht metaphorisch, sondern haqiqi.

Dies ist die Zusammenfassung von Imam Ibn Taymiyyahs رحمه الله Ansicht. Aus welcher deutlich wird, dass Imam Ibn Taymiyyah رحمه الله nicht auf die Erklärung des Wortes „Nuzul“ verzichtet, sondern dem Wort „Nuzul“ die eigentliche Bedeutung zuschreibt und über dessen Verfassung schweigt. Obwohl die Kernaussage der Mehrheit der Muhaddithin darauf deutet, dass sie die Erläuterung des Wortes „Nuzul“ im Ganzen unterlassen. Weder sagen sie, dass die eigentliche Bedeutung beabsichtigt sei, und noch, dass die metaphorische Bedeutung gemeint sei. Daher ist Imam Ibn Taymiyyahs رحمه الله Behauptung, dass sein Standpunkt genau dem der Mehrheit der Salaf entspricht, nicht einwandslos. Denn man findet zwischen seiner Stellung und der der Mehrheit der Muhaddithin diesen feinen Unterschied, der oben erläutert wurde. Aber gewiss ist dieser Unterschied nicht – Allah bewahre – wie der zwischen Tashbih [Vermenschlichung] und Tanzih [Transzendenz], sondern ein Unterschied in der Interpretation von Tanzih. Deshalb ist es nicht richtig ihn in dieser Angelegenheit gegen die Mehrheit der Ahlus Sunnah zu erklären und ihn aufgrund dessen zur Zielscheibe von Tadel zu machen.

Ohne Zweifel in solcher Art von Fragen ist der sichere Weg, der der Mehrheit der Salaf, die sich von der Erläuterung solcher Worte enthalten. Denn schon mit dem Beginn von Erläuterungen gelangt der Mensch in ein dornreiches Tal, in welchem es schwierig ist sich vor Übertreibung und Untertreibung zu schützen. Ibn Khaldun رحمه الله hat im „Muqaddamah“ etwas bemerkenswertes geschrieben, nämlich dass die Fragen über Allah ta’alas Eigenschaften außer Reichweite der Auffassungsgabe unseres Verstandes sind und derjenige der diese Fragen mit Hilfe seines Verstandes lösen möchte dem Narren gleicht, der Berge mit Hilfe einer Goldwaage wiegen möchte.

[Auszug aus „Dars-e-Tirmidhi“]

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